Kann man ein Baby verwöhnen???

Kann man ein Baby verwöhnen???

Viele junge Mütter bekommen von ihren eigenen Müttern, von Omas oder Freunden viele gute und manchmal auch nur gut gemeinte Ratschläge, wie sie mit ihrem Baby umgehen sollen. Viele dieser Ratschläge sind sehr wertvoll und helfen der jungen Mutter tatsächlich weiter, geben ihr Sicherheit und Orientierung in der neuen Situation als Mutter. Nicht selten aber setzen bestimmte Ratschläge die frischgebackene Mutter auch unter Druck und verunsichern mehr, als dass sie helfen würden. Meist sind es Kommentare wie: „Wenn du deinem Kind immer gibst, was es braucht, verwöhnst du es!“

Kaum einer will sein Kind verwöhnen. „Denn dann stillt sich mein Kind vielleicht nie ab, dann wird es nie in seinem eigenen Bett in seinem eigenen Zimmer schlafen, dann wird es immer an meinem Rockzipfel hängen und ich kann nirgends mal hin gehen…“, sind die Schreckgedanken, die bei solchen Kommentaren ausgelöst werden können.

Wie ich in meinem Beitrag „Pflegeleicht?!“ schon geschrieben habe, sind diese Befürchtungen tatsächlich nur Schreckgespenster. Wer seinem Kind gibt, was es braucht (dazu gehört Stillen nach Bedarf – auch im 10-Minuten-Takt, wenn es sein muss -, ein Bett im Schlafzimmer der Eltern oder auch ein Platz im Elternbett, Trost, wenn es weint, etc.), der verwöhnt sein Kind nicht, sondern schafft die besten Voraussetzungen für die Entwicklung einer starken Bindung, Urvertrauen, Stabilität und Ausgeglichenheit des Kindes.

Aber in vielen Köpfen spuken sie noch herum, die Parolen von Johanna Haarer in ihrem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, das sie als Ärztin im Dritten Reich herausgegeben hat und zur damaligen Zeit Standardwerk des Reichsmütterdienstes der NS-Frauenschaft war. Noch bis in die 80er Jahre war das Buch unter Weglassung des Wortes „deutsche“ im Titel und einiger anderer kleiner inhaltlicher Änderungen im Umlauf. Hier nur ein paar kleine Auszüge daraus, die deutlich machen, woher diese Angst vor dem Verwöhnen kommt:

„Zwischen den Stillmahlzeiten müssen unter allen Umständen regelmäßige und ausreichende Pausen eingehalten werden. Diese Pausen betragen 3, wenn möglich und besonders beim älteren Säugling 4 Stunden. (…) Außerhalb der regelmäßigen Trinkzeiten gibt es keinen Grund, das Kind an die Brust zu nehmen!“ Ausnahmen gibt es nur bei Stillschwierigkeiten. (Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, München-Berlin 1940, 119-120)

„Schreien lassen! Jeder Säugling soll von Anfang an nachts alleine sein. Nun macht ja Kindergeschrei vor Türen und Mauern nicht halt.  Die Eltern müssen dann eben alle Willenskraft zusammen nehmen und, nachdem das Kind versorgt wurde, sich die Nacht über nicht sehen lassen.“ Nur, wenn das Kind sehr zart ist und schlecht trinkt, darf es einmal in der Nacht gestillt werden. (ebd., Die deutsche Mutter, 174)

„Gemüse muss im zweiten Halbjahr gegessen werden.“ Man soll es dem Kind zwar nicht mit dem Löffel in den Mund hineinzwingen, wenn es nicht essen mag, so Haarer, sondern soll bei Widerständen das Kind einfach mal hungern lassen – dann würde das Kind später freiwillig das Gemüse essen. „Diese Maßnahme mag grausam erscheinen, ist aber das einzige Mittel, um das Kind vor Ernährungsstörung und Krankheit zu bewahren, die als Folge einer einseitigen Ernährung zu erwarten sind.“ (ebd., Die deutsche Mutter, 221)

„Wenn wir aber das Kind in einem Ställchen unterbringen, vermeiden wir auch in diesem Alter (zweites Halbjahr) das lästige und mühsame Herumtragen und Herumschleppen des Kindes. Dies ist in dieser Altersstufe ebenso wie in den früheren aus verschiedenen Gründen unzweckmäßig: Das Kind gewöhnt sich an die ständige Nähe und Fürsorge eines Erwachsenen und gibt bald keine Ruhe mehr, wenn es nicht Gesellschaft hat und beachtet wird.“ (ebd., Die deutsche Mutter, 236)

Und das alles, damit „jeder junge Staatsbürger und Deutsche zum nützlichen Gliede der Volksgemeinschaft werde, dass er neben der höchstmöglichen Entwicklung all seiner guten Anlagen und Fähigkeiten lerne, sich einzuordnen in eine Gemeinschaft und um ihretwillen eigene Wünsche und eigene Bestrebungen zurück zu stellen.“ (ebd., Die deutsche Mutter, 272)

Viele, die in den 80er Jahren zum ersten Mal Mutter wurden, haben dieses Buch noch gelesen, doch selbst, die es nicht gelesen haben, waren nicht selten von diesem Gedankengut umgeben durch die „guten“ Ratschläge ihrer Mütter oder Großmütter. Es ist das Gedankengut einer Zeit, die hart, menschenfeindlich und verachtend war – die Zeit des Nationalsozialismus. Und der Plan geht mit solch einer Erziehung, die Johanna Haarer in ihrem Buch propagiert, auch auf: So erzogene Kinder werden still, sie ordnen sich ein und unter, sie funktionieren und mucken nicht auf – perfekt für das Führertum der damaligen Zeit. Denn so ein Kind lernt nicht, dass es eigene Bedürfnisse hat, einen eigenen Willen, dass es eine eigene Meinung vertreten kann und darf und – das wichtigste – es lernt nicht, dass es geliebt wird mit all dem, was es ist, was es braucht und kann oder auch nicht kann. Es lernt viel mehr, dass es dann „geliebt“ wird, wenn es still ist und funktioniert.

Deshalb mein Appell an alle Mütter, die ähnliche Ratschläge bekommen, wie oben zitiert: Hört nicht auf diese Parolen, die einer menschenverachtenden Zeit entsprungen sind, sondern hört auf euer Bauchgefühl! Gebt eurem Kind, was es braucht und wenn es 10 Mal in der Stunde die Brust will oder am liebsten und besten bei euch im Arm schläft! Es  ist manchmal anstrengend und oft auch nervig, aber es lohnt sich! Ihr könnt ein Baby nicht verwöhnen! Wenn das Kind 2 Jahre alt ist, sieht das nochmal anders aus. Kinder in diesem Alter können manchmal schon ganz gut die Großen manipulieren und fangen an, ihre Grenzen auszuloten. Aber bis dahin ist jedes Bedürfnis, das euer Kind hat, ein Grundbedürfnis, das befriedigt werden sollte – damit es weiß: Wenn es mir nicht gut geht, ist jemand da. Wenn ich Hunger habe, bekomme ich etwas, auch wenn meine letzte Mahlzeit erst eine halbe Stunde her ist (wir Erwachsene haben ja auch manchmal kurz nach dem Mittagessen wieder Hunger – das ist nicht immer gleich). Wenn ich schlafe, kann ich darauf vertrauen, dass ich geborgen bin in der Nähe meiner Eltern und wenn ich kuscheln will, weil ich Trost brauche, dann ist jemand da, der mich in den Arm nimmt. So kann ich mich geliebt fühlen, so kann ich Vertrauen aufbauen und lerne mich kennen mit meinen Bedürfnissen, meinen Fähigkeiten und Einstellungen und kann so zu einem eigenständigen, selbstbewussten Mensch werden, der auch andere lieben und achten kann.

Schreibt mir gerne in die Kommentare eure Erfahrungen zu diesem Thema!

Alles Liebe

Marion Maier

www.wege-zum-herzen.de

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