Pflegeleicht?!

Pflegeleicht?!

Die Erleichterung vieler Eltern ist groß, wenn es nach der Geburt eines Kindes nicht nur keine Probleme gibt, sondern auch ansonsten der gewohnte Alltag nicht zu sehr durch den Nachwuchs beeinträchtigt wird. „Er hat nach 3 Monaten schon durchgeschlafen“, „er hat sich selbst nach 5 Monaten abgestillt“, „sie schläft von Anfang an alleine in ihrem Bett in ihrem eigenen Zimmer und das ist gar kein Problem“ oder „sie fremdelt überhaupt nicht – sie vertraut einfach jedem“ sind Sätze, die man dann so oder ähnlich von stolzen Eltern zu hören bekommt. Manche Eltern, die sehr wohl mit Schlafschwierigkeiten oder Stillproblemen kämpfen und solche Berichte hören, fangen dann oftmals an, an sich zu zweifeln: „Was mache ich nur falsch, dass mein Kind alle 2 Stunden in der Nacht kommt?“, „Warum stillt sich mein Kind nicht ab, obwohl es schon fast 9 Monate alt ist?“, „Warum schläft mein Kind nur, wenn ich neben ihm liege?“ Und: „Mein Kind will sich überhaupt nicht, nicht einmal für ein paar Minuten nur, von mir trennen.“ Und die Schlussfolgerung, die dann oft von solchen verunsicherten Müttern gezogen wird, ist: „Die anderen sind viel bessere Mütter als ich. Die haben ihr Kind gleich schon richtig erzogen und haben das alles einfach im Griff.“

Ist das tatsächlich so? Sind wir bessere Mütter, wenn wir unseren Nachwuchs „fest im Griff“ haben und die Kinder „gut in der Spur“ laufen? Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich so zu sein. Doch ein genaueres Hinsehen und Hinhören lohnt sich.

Denn dann wird möglicherweise deutlich, dass das Kind, das sich schon so früh abgestillt hat, einfach aufgegeben hat, weil die Mutter mehrmals nicht da war, als das Baby gestillt werden wollte. Diese Angst, dass die Mama weg ist, diesen Schmerz, wollte es nicht nochmal erleben. Dann lieber gar nicht mehr stillen.

Dann sieht man, dass das Kind, das so früh schon durchgeschlafen hat, vielleicht auch aufgegeben hat, weil niemand in der Nacht gekommen ist, als es aufgewacht ist und geweint hat. Es hat gelernt: Da ist niemand, der dich tröstet und in den Arm nimmt. Wenn du schlecht schläfst und Bilder (vielleicht von der Geburt, vielleicht vom vergangenen turbulenten Tag, vielleicht vom Streit der Eltern etc.) in deinem Kopf dir Angst machen, weil du sie in dem kleinen Gehirn noch nicht verarbeiten kannst, dann spar dir die Mühe, nach der Mama zu rufen. Die Mama gibt es nur am Tag – und da auch nicht immer. Das tut so weh, das ist so schlimm. Also lieber aufgeben und so tief schlafen, dass man all diese Dinge gar nicht erst merkt.

Und dann erkennt man, dass das Kind, das keine Probleme damit hat, von jedem auf den Arm genommen zu werden, vielleicht seine Mama noch nie wirklich kennen gelernt hat. Es wurde von Anfang an herum gereicht und konnte deshalb auch zu niemandem eine größere und tiefer gehende Bindung aufbauen. Wer keine Bezugs- und Vertrauensperson hat, der hat auch keine Angst, sie zu verlieren, der muss nicht fremdeln. Eigentlich ist das doch gut, oder? Aber: So ein Kind hat von Anfang an ebenso gelernt, dass es nirgends einen festen Platz hat, wo es hin gehört – allenfalls hier und da ein Plätzchen, dass es niemandem 100% vertrauen darf, sondern jedem nur ein bisschen, und dass niemand es bedingungslos liebt, sondern alle nur ein kleines Stück.

Keine Frage: Nicht jedes unkomplizierte, pflegeleichte Kind hat solche traumatischen Erlebnisse in seinem Rucksack. Es gibt auch pflegeleichte glückliche Kinder, die einfach so sind. Ich will mit diesem Beitrag nur sagen: Was nach außen so schön glänzt und so toll klingt, muss nicht immer bedeuten, dass auch im Inneren alles wunderbar ist.

Vielleicht fragt ihr nun, was mit den Kindern ist, die nicht „pflegeleicht“ sind, die in der Nacht ständig kommen, die auch nach vier Wochen im Kindergarten morgens beim Abgeben noch weinen, die auch nach 2 Jahren noch stillen? Ist das noch normal? Oftmals wird man da als Mama schräg beäugt. Aber ich möchte euch Mut machen, solche Blicke und Kommentare, die euch suggerieren, etwas falsch zu machen, zu ignorieren.

Denn was ist mit dem Kind, das in der Nacht alle zwei Stunden gestillt werden will und auch mit zwei Jahren noch an Mamas Brust will? Es hat etwas ganz Wesentliches gelernt: Die Mama ist immer da. Wenn ich Hunger habe, wenn ich Trost brauche, wenn mir einfach nach Nuckeln und Kuscheln ist. Sie ist da, ich kann mich darauf verlassen. So entsteht Urvertrauen! Und glaubt mir, es wird die Zeit kommen, wo euer Kind von selbst aufhören wird, wenn es „satt“ ist, und genug Vertrauen aufgebaut hat!

Und was ist mit dem Kind, das jeden Morgen im Kindergarten Theater macht? Es ist nicht verwöhnt, sondern es hat zu seiner Mama eine starke Bindung aufgebaut! Seine Mama ist seine Welt und da tut der Abschied einfach immer kurz weh. Es dauert einfach eine Weile, bis das Kind gelernt hat, dass es seine Mama durch den Kindergarten nicht verliert, sondern dass seine Welt lediglich etwas größer wird. Manchmal ist es auch so, dass ein Kind mit starkem Trennungsschmerz der Mama signalisieren will: „Ich bleibe bei dir“, weil es spürt, dass seine Mutter sich ohne es alleine fühlt und es eigentlich tief drinnen ungern loslässt. Das ist nicht schlimm, es ist menschlich, aber es muss wahrgenommen werden. Es hilft dem Kind dann, wenn die Mutter ihm von innen her sagt: „Ich komme klar, ich bin groß und kann alleine sein. Lebe du dein Leben!“

Letztlich ist das, was wir als pflegeleicht oder schwierig erleben darin begründet, welche Konzepte und Vorstellungen wir im Kopf haben. Auch eine Mutter, deren Kind ständig an die Brust gehen und nicht im eigenen Bett schlafen will, kann ihr Kind als pflegeleicht erleben, wenn sie weiß, dass es sich völlig normal verhält und sie ihrem Kind einfach geduldig das gibt, was es braucht. Das kann mitunter anstrengend und Kräfte zehrend sein, aber es lohnt sich, weil es dein Kind stark, ruhig und vertrauend macht!

Marion Maier

www.wege-zum-herzen.de


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