Ganz einfach

Ganz einfach

In diesem Jahr soll unser Haus gebaut werden – hier, direkt auf dem Grundstück gegenüber. Aufgrund von Handwerkermangel verzögert sich das Projekt jedoch leider erheblich. Genervt von unserer Baufirma sind wir nun ständig dabei, die Zuständigen telefonisch und schriftlich so lange zu nerven und ihnen auf die Füße zu treten, bis endlich etwas vorwärts geht. So legte ich neulich auch wieder einmal seufzend den Telefonhörer auf die Feststation, als mein Sohn vom Spielen draußen herein kam. Er setzte sich auf meinen Schoß, griff nach einem Keks und sah mich schmatzend an: „Was machst du, Mama?“

Ich sagte zu ihm: „Ich habe gerade unsere Hausbaufirma angerufen und denen gesagt, dass sie bald unser Haus aufbauen sollen. Aber der Mann hat gesagt, wir müssen noch etwas Geduld haben. Blöd, oder?“ Er nickte und kaute seinen Keks. Dann leuchteten seine Augen plötzlich. „Mama, das ist doch nicht schlimm! Wir bauen es selbst auf!“, rief er. Dann schaute er sich eifrig um, schnappte sich ein leeres Blatt Papier und sagte: „Das schaffen wir. Ich mache mit dir den Arbeitsplan. Los, schreib auf!“ Und er fing sofort an zu überlegen, wer welche Aufgabe beim Hausbau übernehmen soll: Er selbst würde den großen Bagger fahren, Papa und Jakob den kleinen Bagger, mir teilte er den Kran zu. Unsere Nachbarin sollte den Kachelofen und die Küche einbauen und die andere Nachbarin sollte zuschauen und den Arbeitsplan halten. Fertig. So einfach. Und morgen soll es schon losgehen.

Ein paar Minuten später verabschiedete er sich mit sich und der Welt zufrieden und ging wieder hinaus zu seinen Freunden. Ich sah ihm lächelnd nach. Aus seiner Perspektive ist es ganz einfach und ich glaube, er hat recht. Es ist eigentlich ganz einfach. Unser Haus wird früher oder später gebaut werden – ganz einfach.

Marion Maier

www.wege-zum-herzen.de


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