Eine Geburt kann man nachholen

Eine Geburt kann man nachholen

Ich spüre den Teppich unter mir, auf dem ich knie. Irgendwie finde ich es heute hier unbequem. Es drückt an den Knien, doch da ist noch so viel anderes, das meine Aufmerksamkeit beansprucht, so dass diese Wahrnehmung eher in den Hintergrund rückt.

Da ist in meinen Händen das 3 Monate alte Baby, das sich mit wachen Blicken umschaut. Ich spüre seinen Kopf in der linken und sein Becken in meiner rechten Hand und dazwischen ganz viel Spannung. Neben mir sitzt die Mutter des Babys. Auch sie ist angespannt und etwas nervös. Sie ist mit ihrem Baby zu mir gekommen, weil sie hofft, dass eine Cranio den Kleinen etwas entspannen und damit auch sie selbst wieder etwas mehr zur Ruhe kommen kann. Sie war schon bei mehreren Ärzten und auch beim Osteopathen mit dem Kleinen und weiß daher, dass mit ihm alles in Ordnung ist, doch er kommt nach wie vor nicht zur Ruhe und schreit einfach sehr viel.

Im Raum ist überall Anspannung. Es knistert fast. Ich atme ruhig und nehme es wahr. Ich sage dem Baby innerlich, seiner Seele und seinem Körper, dass ich ihm wohl will, dass es nun tun darf, was ihm gut tut und dass ich bei ihm bin und es unterstütze in allem.

Das Baby fängt an, sich zu winden und zu überstrecken. Sein Gesicht wird nun ganz rot und es verzieht den Mund, öffnet ihn und beginnt – erst leise, dann lauter – zu schreien. Dabei rudert es mit den Armen, strampelt energisch mit den Beinen und windet sich hin und her. Die Mutter nickt etwas resigniert und sagt: „Ja, genauso ist das immer…“

Die Anspannung im Raum verändert sich – es kommt etwas in Gang, verschiebt sich, läuft in die eine Richtung, dreht Kreise und geht in die andere Richtung, bäumt sich auf, fällt in sich zusammen, dann erhebt sich wieder eine Energie, tobt, rast, wird ruhiger und galoppiert dann wieder los. Dementsprechend verhält sich auch das Baby. Es bewegt und windet sich, es schreit, wird lauter und leiser.

Meine Hände gehen mit den Bewegungen des Babys einfach mit und ich schaue zu. Ich lasse das Baby ganz langsam und mit Unterbrechungen mit dem Oberkörper auf das Polster vor mir gleiten, bis es ganz darauf liegt. Irgendetwas beruhigt sich. Die Spannung lässt nach. Der Kleine windet sich weiter, sein Schreien wird aber leiser, er öffnet schließlich die Augen und schaut sich um. Für einen Moment ist es ganz still im Raum. Dann windet er sich ächzend, aber nicht mehr weinend, sondern eher fast konzentriert wieder weiter und ich bleibe mit den Händen bei ihm, halte und unterstütze ihn und so kugelt er langsam von dem Polster herunter in die ausgestreckten Hände seiner Mutter.

Beide schauen sich – etwas erstaunt – an, lange und intensiv. Die Anspannung im Raum und auch bei den beiden ist weg. Nun lächeln sie sich an. Friede breitet sich im Raum aus. Fast könnte man meinen, es wäre heller hier drinnen geworden.

Meine Knie tun auch nicht mehr weh und auch in meinen Händen ist nun wieder Ruhe. Die Mutter legt ihr Baby an die Brust und redet beruhigend mit ihm. Ich sitze einfach da und freue mich, an diesem Frieden und Glück Anteil nehmen zu dürfen.

Marion Maier

www.wege-zum-herzen.de


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